Internationale Fachkonferenz

Sprachliche Höflichkeit: Historische, aktuelle und künftige Perspektiven

Bergische Universität Wuppertal, 29.09. - 1.10.2016

 

 

Tagungsbericht

 

Vom 29.9. bis 1.10. 2016 fand an der Bergischen Universität Wuppertal eine internationale Fachkonferenz zum Thema: Sprachliche Höflichkeit statt. Zu dieser gut besuchten Tagung kamen über 50 Experten aus 15 Nationen zusammen, um sich über den Stand der Forschung auszutauschen, theoretische Konzepte und empirische  Methoden zu diskutieren und neue Fragestellungen zu entdecken. Neben ExpertInnen vor allem aus dem europäischen Raum präsentierten auch NachwuchswissenschaftlerInnen, u.a. aus Ägypten, Russland und Japan ihre Forschungsprojekte in einer Postersektion, die auf lebhaftes Interesse stieß.

In einer eindrucksvollen Auftaktveranstaltung trug der Germanist und Schriftsteller Jürgen Roth pointierte Thesen zur aktuellen Debatte um eine „Kultur der Unhöflichkeit“ in Politik und Medien vor. VertreterInnen aus der Schule, der deutschen Knigge-Gesellschaft und der Gesellschaft für deutsche Sprache nahmen anschließend aus ihrer Sicht Stellung zur Frage, wie man den Herausforderungen eines veränderten Umgangs mit Höflichkeit zwischen Kulturkritik, Sprachpflege und Sprachwandel begegnen kann. In einer abendlichen Podiumsdiskussion wurde von Vertretern verschiedener Berufsfelder, darunter Bildung (Goethe Institut) und Verwaltung (Polizeiausbildung), Wirtschaft (Bankenwesen, Automobilindustrie) und Politik die zunehmende Bedeutung von Freundlichkeit und sprachlicher Höflichkeit in ihrem Berufsalltag diskutiert. Es herrschte Konsens, dass man diese nicht standardisiert, sondern situations- und adressatengerecht einzusetzen habe. Der Einblick in die Bedeutung des wissenschaftlichen Forschungsfeldes für die Praxis verschiedener Anwendungsfelder wurde von den KonferenzteilnehmerInnen als besonders bereichernd empfunden.

Das wissenschaftliche Programm nahm seinen Ausgangspunkt von kulturhistorischen Dimensionen mit Vorträgen zur Entwicklung von Höflichkeitspraktiken und ihrer Darstellung in Texten der Literaturgeschichte. Dabei wurden auch Probleme der Übersetzung (Französisch-Deutsch) aufgegriffen.

Im Hauptteil der Konferenz wurden sodann aktuelle Tendenzen der Forschungsentwicklung ausgeleuchtet. Gudrun Held diskutierte einleitend Deutungsmöglichkeiten des zentralen Konstrukts des face. Anschließend wurden Ergebnisse empirischer Studien zu sprachlichen Ausdrucksformen von Höflichkeit im Deutschen präsentiert, und zwar an Beispielen auf der Wortebene (Irma Hyvärinen zu eigentlich, vielleicht) wie an Beispielen komplexer Höflichkeitspraktiken in (Sprechstunden)Gesprächen (Helga Kotthoff). Auch der Kehrseite der Unhöflichkeit, z.B. im politischen Diskurs in Japan, wurde Aufmerksamkeit zuteil. In kontrastiven Vergleichen wurden kulturell unterschiedliche Ausdrucksformen einzelner Sprechhandlungen (z.B. Komplimente im Türkischen und im Deutschen, Anreden und Aufforderungen) gegenübergestellt und Höflichkeitsformen in verschiedenen Textsorten und Gesprächstypen (wissenschaftliche Korrespondenz Russisch-Deutsch, Bekanntmachungen Dänisch-Deutsch, Talkshows Spanisch-Deutsch) miteinander verglichen. Ein weiterer Vortrag kontrastierte aktuelle deutsche Anleitungstexte für Flüchtlinge mit Rezeptionsweisen aus dem arabischen Kulturkreis. Die Frage, wie sich Universalität und Kulturspezifik sprachlicher Höflichkeit in internationaler Perspektive darstellt, wurde in einem weiteren abendlichen Podium von Konferenzteilnehmern aus verschiedenen Ländern diskutiert.

Veränderungen von Ausdrucksweisen und Auswirkungen sprachlicher Höflichkeit durch den Einfluss neuer Medien (z.B. Laienliteraturkritik, digitalen Kundenbeschwerden) waren weitere Vorträge gewidmet. Schließlich wurden aus dem Anwendungsfeld der Schule verschiedene Höflichkeitsformen von Lehrkräften und Schülern vorgestellt, darunter auch das Wuppertaler DFG-Projekt, und DaF-Lehrwerke auf ihr Angebot zum Erwerb von Höflichkeitsformen im Deutschen kritisch analysiert.

Der abschließende Programmteil war künftigen Forschungsfragen vorbehalten. Dabei wurden die Fragen diskutiert, welche Rolle dem Konzept der Beziehungsarbeit zukomme (Miriam Locher), ob Höflichkeit bzw. ihr Erwerb als eine angeborene Disposition anzusehen sei und welche fremdsprachendidaktischen Konsequenzen das Interkulturalitätsparadigma eröffne.

Die Resonanz auf die Tagung war ausgesprochen positiv; die TeilnehmerInnen hoben die anregende Atmosphäre für kollegialen Austausch, die Verbindung von Theorie und Praxis, von erfahrenen und jungen ForscherInnen, die Internationalität und nicht zuletzt die Impulse für wissenschaftliches Weiterdenken hervor. Der Tagungsband soll im nächsten Jahr im Gunther Narr Verlag (Tübingen) erscheinen.

 

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